Thronende Muttergottes, Köln um 1320/1330
Laubholz gefasst, 132 x 60 x 33 cmErworben 2026 mit Unterstützung der Kulturstiftung der Länder und von Traute Kirchholtes. Gemeinsames Eigentum mit der Ernst von Siemens Kunststiftung und dem Städelschen Museums-Verein e.V.
Foto: Foto: Städel Museum – Norbert Miguletz
Mein Ururgroßvater, Begründer der Kunsthändler-Dynastie Julius Böhler, war nicht nur ein besonders erfolgreicher Händler, sondern auch ein leidenschaftlicher Sammler. Viele der von ihm zu Anfang des 20. Jahrhunderts erworbenen Kunstwerke befinden sich heute in den Sammlungen großer deutscher Museen. Zu den Leihgaben gehörte bis vor kurzer Zeit auch die Altenberger Madonna.
Diese Marienfigur hat eine lange Geschichte, die ich gerne erzählen möchte. Sie beginnt im Prämonstratenserinnen- kloster Altenberg bei Wetzlar an der Lahn. Hier war Gertrud von Thüringen von 1248 bis zu ihrem Tod im Jahr 1297 Äbtissin. Als Tochter der heiligen Elisabeth von Thüringen (1207-1231) begründete sie in Altenberg den Reliquienkult um ihre berühmte Mutter. Das Hauskloster der hessisch-thüringischen Landgrafenfamilie wurde ein zentraler Ort für den Kult der Heiligen.
Ein Gesamtkunstwerk
Nach dem Tod der Äbtissin Gertrud erteilte das Kloster um 1320 den Auftrag für ein prunkvolles, dreiteiliges Altarretabel. In dem fünfachsigen, mit Maßwerk verzierten Mittelteil befindet sich eine zentrale Nische für die Skulptur der thronenden Madonna sowie Fächer für die Reliquien der heiligen Elisabeth. Die beiden Seitenflügel zeigen Szenen aus dem Leben Mariens und der heiligen Elisabeth. Alle Teile des Altars beziehen sich thematisch und ikonographisch aufeinander: So kehrt das Hermelinfutter von Marias Mantel in der Kleiderspende Elisabeths von Thüringen auf dem rechten Seitenflügel wieder.
Altenberger Altar, ca. 1330 mit Thronender Muttergottes, Köln, um 1320/1330
Mischtechnik auf Tannenholz, 153,7 x 243,8 x 6,3 cm
Foto: Städel Museum – Norbert Miguletz
Gewand und Haar der Madonna, mit Blattgold überzogen, standen in Bezug zu den heute nicht mehr vorhandenen, ebenfalls vergoldeten Reliquiengefäßen. Dazu gehörte auch das berühmte Armreliquiar der heiligen Elisabeth, um 1240, heute auf Schloss Sayn.
Armreliquie der hl. Elisabeth, Schloss Sayn, Sayn
Schon im 15. oder 16. Jahrhunderts wurde das Altarretabel abgebaut, da es offenbar nicht mehr dem Zeitgeschmack entsprach. Nach Auflösung des Klosters im Jahr 1803 gelangte es auf das Schloss der Fürsten von Solms-Braunfels. 1916 verkaufte Georg Friedrich Fürst Solms-Braunfeld (1890-1970) die Madonnenfigur an die renommierte Münchner Kunsthändlerfirma A.S. Drey, wo sie mein Ururgroßvater vor 1925 erwarb (dies erschließt sich aus einer Leihanfrage anlässlich der „Jahrtausend Ausstellung“ Köln aus dem Jahr 1925). Die beiden Altarflügel gelangten 1925 durch Ankauf in das Städel Museum in Frankfurt, nur der Altarschrein verblieb weiterhin bei der Familie der Fürsten Solms-Laubach.
1934 schickte meine Familie die Altenberger Madonna zur Kunsthandlung meines Urgroßvaters Julius Wilhelm Böhler nach Luzern in die Schweiz, wo sie bis nach Kriegsende blieb. 1955 erfolgte der Eintrag der Madonna in das „Verzeichnis national wertvollen Kulturgutes“, womit ihrer überragenden kunsthistorischen Bedeutung Rechnung getragen wurde. 1981 stellten wir die Altenberger Madonna schließlich dem Bayerischen Nationalmuseum in München als Dauerleihgabe zur Verfügung.
Ansicht der Innenseite des linken Flügels, von oben links:
– Maria Verkündung
– Maria Heimsuchung– Geburt Christi
– Anbetung der Heiligen Drei Könige
© Städel Museum, PDM-owner, via Wikimedia Commons
Ansicht der Innenseite des rechten Flügels, von oben links:
– Erzengel Michael
– Krönung Mariens– hl. Elisabeth
– Marientod
© Städel Museum, PDM-owner, via Wikimedia Commons
Das Städel Museum in Frankfurt besitzt seit 1925 die beiden Altartafeln, den zugehörigen Altaraufsatz seit 2014 als Dauerleihgabe. Es fehlte nur noch die Madonna. Diese Lücke ist nun geschlossen. Den Ankauf der Madonna aus unserer Sammlung, die in einer konzertierten Aktion des Städel-Museumsverein, der Ernst-von-Siemens-Kulturstiftung und der Kulturstiftung der Länder geglückt ist, bezeichnete Städel-Direktor Philipp Demandt am 27. Januar 2026, dem offiziellen Tag der Übergabe, als „Sternstunde“. Demandt sagte weiterhin, es handele sich um „die bedeutendste Erwerbung einer einzelnen Skulptur in der Geschichte des Museums“. Dr. Jochen Sander, Kurator des Städel-Museums und stellvertretender Direktor, bezeichnete den Altenberger Altar, einen von nur fünf überhaupt aus dieser Zeit aus Nordeuropa erhaltenen, als kunsthistorisch von einzigartiger Bedeutung. Auch Christiane Regus, Generalsekretärin der Länder-Kulturstiftung war an diesem Tag voll des Lobes und nannte die Altenberger Madonna „eines der wichtigsten Werke ihrer Zeit“.
Somit ist die Geschichte der Madonna zu einem guten Ende gekommen. Am 27. Januar in Frankfurt war ich glücklich, sie nun gut aufgehoben – in einer Art Familienzusammenführung, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb – im zweiten Stock des wunderbaren Städel Museums zu wissen.