Wie schön sie fliegen, wie leicht sie scheinen, die beiden kleinen Mädchen, ungeachtet ihres Alters von doch bald 260 Jahren! Kunstvolle Frisuren, mit Bändern gehalten, schmücken die pausbäckigen Kinderköpfe. Die Köpfe sind geneigt, der Blick aus schräg gestellten, fast geschlossenen Augenliedern ist auf Untersicht angelegt. Anatomisch genau bildet Ignaz Günther, der führende Künstler seiner Zeit in München, den rundlichen Körper eines kleinen Kindes ab. Vielleicht haben ihn seine eigenen Kinder, neun an der Zahl, inspiriert? Vorstellen könnte man sich´s, so lebensecht scheinen die beiden kleinen Damen. Den Putten darf das wichtigste Attribut, die Flügel, natürlich nicht fehlen: Zugegeben sind die Federn sehr feingliedrig ausgeführt, jedoch mehr dekoratives Zitat als wirkliche Flughilfe.

Welche Kirche schmückten die beiden reizenden kleinen, himmlischen Wesen? Vergleiche mit anderen Engeln des süddeutschen Meisters legen die Anbringung an einem Altar oder auch an eine Kanzel nahe. Putten, deren Köpfchen mit Bändern und Blumen geschmückt sind, finden sich häufig im Werk von Günther.


Eine Spurensuche

Wir sind auf Spurensuche gegangen, haben versucht, die verlorene Geschichte der beiden himmlischen Kinder ans Licht zu bringen.
In den 1980er Jahren, als die Putten unseren Nachforschungen entsprechend im Münchner Kunstmarkt auftauchten, trugen sie über der originalen Farbfassung einen goldfarbenen Anstrich. Die Vermutung lag damals schon nahe, dass es sich hierbei nicht um die ursprüngliche Fassung handelt. Laut mündlicher Überlieferung erhielten sie ihr goldenes Kleid nämlich als Dekorationsobjekte an einem Festwagen, den die Putten gemeinsam mit zwei weiteren Engeln Ignaz Günthers im Jahr 1888 schmückten. In diesem Jahr wurde mit zwei Jahren Verspätung – 1886 war der unglückliche König Ludwig II. im Starnberger See zu Tode gekommen – anlässlich des hundertsten Geburtstages König Ludwig I. in München ein prachtvoller Festzug veranstaltet. Den Wagen der “Lackierer, Vergolder, Farbenfabrikanten und Dekorationsmaler” zierte laut Festprogramm ein ovales Porträt des Monarchen, in einem „wundervollen reichvergoldeten Rahmen, den fliegende Engel und Genien gleichsam tragen“. Auch „über dem Rahmen schwebt ein Engel und ein Genius, welche die Königskrone halten“. Für den ganz im „Zopfstil” gehaltenen Wagen zeichneten die Herren Radspieler und Lippert verantwortlich. Während der Wagen von Dekorationsmalern hergestellt wurde, betont das Festprogramm ausdrücklich, dass die Engel und Genien am Rahmen, „sämmtlich(en) … kostbare alte Stücke“ sind.

Josef Radspieler

Wer war Josef Radspieler (München 1819 – 1904), den eine zu dieser Zeit ungewöhnliche Vorliebe für barocke Kunst auszeichnet? Der gelernte Vergolder eröffnete 1841 seine eigene Werkstatt, durch den Erfolg getragen später eine große Firma in München. Radspieler lieferte an den Königshof und an private Kunden, darunter Künstler wie Lenbach und Spitzweg, Möbel, Rahmen und Spiegel. Eine weitere Einnahmequelle der Firma Radspieler war die Ausstattung und Renovierung von Kirchen in ganz Bayern, darunter St. Maria in Ramersdorf, Asamkirche sowie Frauenkirche, Berg am Laim und Bürgersaal in München. Dabei kaufte die Firma Radspieler alte, wohl als unmodern empfundene Barockaltäre, und erwarb sich so einen Fundus an Sakralfiguren. Arbeiten für den Königshof, u. a. die Ausstattung des königlichen Apartments in der Residenz, brachten Radspieler den Titel des „Königlich Bayerischen Hof Vergolders“ ein. Für König Ludwig II fertigte die Firma Radspieler sogar den Königsthron und wirkte am berühmten Wintergarten über dem Hofgartentrakt der Residenz mit. So führte Radspielers Auge für Qualität und Schönheit offensichtlich zur Verwendung der vier „alten Figuren“ an dem Festwagen. Wo aber fand Radspieler die schönen Dekorationsobjekte? Bereits 1920 erwähnt Adolph Feulner in seiner Ignaz Günther-Monographie, dass die am Festwagen angebrachten Skulpturen der Sammlung Radspieler/Lippert ursprünglich aus der Hauskapelle der Familie Knöbl stammen würden, die sich in München, Sendlinger Straße, befand. Später zitiert der Kunsthistoriker Hubert Wilm die von Feulner angegebene Provenienz. Er weist darauf hin, dass die Engel beim Festzug zu Ehren König Ludwigs ein Medaillon mit dem Portrait des Königs gehalten hätten. Um die Skulpturen dem Rahmen farblich anzupassen, seien sie mit Goldbronze überzogen worden.

Die Knöbl-Kapelle

Die Provenienz „Knöbl-Kapelle“ könnte dem Ignaz-Günther-Forscher Adolph Feulner noch aus der mündlichen Überlieferung bekannt gewesen sein. Ein Nachfahre der Familie Radspieler, Peter von Seidlein, bestätigte gegenüber dem Germanischen Nationalmuseum, dass seine Großeltern beim Abbruch der Knöbl-Kapelle eine Reihe von Ausstattungsgegenständen erworben hätten. Auftraggeber der Kapelle war Franz Joseph Knöbl, Mitglied des Äußeren Rates, Barbier und Chirurg. 1745 erwarb er in der Sendlinger Str. 30 ein Haus. Im selben Jahr ließ er dort eine Kapelle errichten. 1746 fand die Weihe der Kapelle statt. Ignaz Günther war zu diesem Zeitpunkt noch in der Werkstatt von Johann Baptist Straub tätig. Ein eigenständiger Auftrag an Günther erscheint aus diesem Grund unwahrscheinlich. 1759 stand Ignaz Günther jedoch nachweislich mit einem Herrn Knöbl in Kontakt. In diesem Jahr erfolgte im August die Stiftung einer Priesterstelle für die Knöbl-Kapelle (das sog. Knöbl-Benefizium). So wäre es durchaus möglich, dass zu diesem Anlass Knöbl Günther mit der Neugestaltung des Altars beauftragt hätte. Die Kapelle wurde 1882 abgerissen. Nach mündlicher Überlieferung gelangten die Figuren im Anschluss in den Besitz der Firma Radspieler. Die abenteuerliche und äußerst verschlungene Provenienz der beiden Putten, an der sich auch die kunsthistorische Bewertung der Werke des bayerischen Barock in den letzten 250 Jahren ablesen lässt, ist durch unsere Forschungen weitestgehend rekonstruiert. Ein Rätsel bleibt allerdings ihr ursprünglicher ikonographischer bzw. architektonischer Kontext, das sich ohne weitere Quellenfunde vorerst nicht auflösen lässt.

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